Fast kein deutsches Unternehmen schließt Wechsel zu europäischer Software ausAbkehr von Big Tech
21. Juli 2026
Deutsche Unternehmen vollziehen eine Kehrtwende bei europäischer Software: Nur noch 4,6 Prozent der IT-Entscheider schließen deren Einführung aus. Vor einem Jahr waren es noch 47,7 Prozent – ein Rückgang um mehr als 90 Prozent. Gleichzeitig befindet sich mit 39,7 Prozent fast jedes vierte Unternehmen bereits in der Einführung europäischer Lösungen; 2025 lag dieser Anteil bei 20,4 Prozent.
Diese Ergebnisse liefert die beim Tech-Event „Bots & Brews” vorgestellte Studie „State of Digital Sovereignty 2026: Uncharted Waters“ von Myra Security. Dazu hat das Unternehmen neben 1.007 IT-Entscheidern in Deutschland auch 504 Entscheider in Frankreich sowie 307 in den nordischen Ländern Dänemark, Schweden, Norwegen und Finnland befragt. Deutschland liegt beim Anteil der Unternehmen, die bereits europäische Software einführen, knapp vor Frankreich mit 38,5 Prozent und den nordischen Ländern mit 35,5 Prozent.
Die grundsätzliche Unterstützung für europäische Digitalprodukte in Staat und kritischen Infrastrukturen ist in allen untersuchten Regionen hoch. Frankreich liegt mit 93,6 Prozent an der Spitze, gefolgt von den nordischen Ländern mit 88,9 Prozent und Deutschland mit 87,5 Prozent. Gegenüber dem Vorjahr ist die Zustimmung in Deutschland damit von 84,4 Prozent weiter gestiegen.
Andrea Lindholz, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages und Vorsitzende der Kommission zu digitaler Souveränität betont: „Unsere Daten sind das Gold der Gegenwart und der Zukunft. Insbesondere der Deutsche Bundestag sitzt auf dem größten Datenschatz des ganzen Landes. Wenn der Deutsche Bundestag bei digitaler Souveränität Vorbild sein will, braucht es den Mut stärker auf deutsche und europäische Lösungen zu setzen.“
Geopolitische Ereignisse erhöhen den Handlungsdruck. Im Durchschnitt gibt die Hälfte der europäischen Entscheider an, ihren Fokus auf digitale Souveränität infolge aktueller Entwicklungen verstärkt zu haben. Der politische Druck führt jedoch nicht durchgehend zu einer Abkehr von US-Technologie. 24,8 Prozent der französischen IT-Entscheider setzen infolge geopolitischer Ereignisse stärker auf US-Software. In Deutschland sagen das 19,8 Prozent und in den Nordics 16,9 Prozent.
Digitale Souveränität ist für die Entscheider aller befragten Länder in den Technologiefeldern Cyber-Sicherheit, künstliche Intelligenz und Cloud-Dienste am wichtigsten. Cyber-Sicherheit nennen 57,6 Prozent der Befragten in Deutschland, 57,1 Prozent in Frankreich und 68,4 Prozent in den nordischen Ländern. Bei KI liegen die Werte bei 50,1 Prozent in Deutschland, 52,4 Prozent in Frankreich und 48,6 Prozent in den Nordics.
„Die Ergebnisse der Studie bestätigen, was wir in der Praxis täglich erleben: Der Bedarf an digitaler Souveränität ist groß. Jetzt geht es darum, diese umzusetzen und echte Wahlfreiheit zu schaffen. Das bedeutet nicht, dass wir alles selbst entwickeln müssen. Wir brauchen aber auf jeder Ebene europäische Alternativen. Sprich, einen souveränen German-Stack.“, sagt Leonhard Kugler, Geschäftsführer Zentrum für Digitale Souveränität der Öffentlichen Verwaltung (ZenDis).
Der Wechsel zu europäischen Technologien bleibt anspruchsvoll. Hohe Migrationskosten werden von 34,6 Prozent der IT-Entscheider in Deutschland als Hürde genannt. Insbesondere fehlende Informationen über europäische Alternativen werden von den befragten Unternehmen als weitere Migrationshemmnisse eingestuft.
Trotz dieser Hürden wächst die Zuversicht. 54,6 Prozent der deutschen IT-Entscheider halten es für realistisch, dass Europa bis 2035 eine strukturelle digitale Unabhängigkeit erreichen kann. In den nordischen Ländern liegt dieser Wert bei 64,5 Prozent, in Frankreich bei 46,4 Prozent.
Über die Studie
Die Ergebnisse basieren auf einer im Auftrag von Myra Security durchgeführten Civey-Online-Umfrage unter 1.818 IT-Entscheidern: 1.007 in Deutschland, 504 in Frankreich sowie 307 in Dänemark, Finnland, Norwegen und Schweden. Die Erhebung erfolgte vom 25. Februar bis zum 5. März 2026. Die statistische Fehlertoleranz liegt bei rund fünf Prozent. (rhh)