Bitkom-Umfrage: Mehrheit der Unternehmen schöpft KI-Potenzial nicht ausWirtschaft muss von der Experimental- in die Umsetzungsphase kommen

19. Oktober 2026

Erstmals setzt die Mehrheit der Unternehmen in Deutschland Künstliche Intelligenz (KI) ein. Das hat zumindest der Branchenverband Bitkom in einer aktuellen Untersuchung festgestellt. Doch die meisten Firmen nutzen das KI-Potenzial bislang nur rudimentär aus.

Es ist gut, dass so viele Unternehmen mit Künstlicher Intelligenz starten. Aber häufig handelt es sich dabei lediglich um einen Firmen-Account für einen der gängigen Chatbots für ausgewählte Managementebenen. Jetzt gilt es, zügig die nächsten Schritte zu gehen und die KI-Systeme in konkreten Anwendungsszenarien zum Einsatz zu bringen, beispielsweise im Vertrieb oder im Kundenservice.

Laut einer Bitkom-Erhebung vom September 2026 nutzen 57 Prozent der Unternehmen ab 20 Beschäftigten KI; im Vorjahr waren es lediglich 36 Prozent. Zugleich bestätigen 87 Prozent der KI-Nutzer die These, dass das Potenzial kaum oder sogar überhaupt nicht ausgeschöpft wird.

Als wesentliche Hindernisse nennen die Befragten Datenschutz (66 Prozent) und rechtliche Unsicherheit (56 Prozent). Für Experten stellen diese Aspekte allerdings keine ernstzunehmenden Hürden dar. Denn KI sollte in jedem Unternehmen auf der Prioritätenliste des Topmanagements weit oben stehen, weil sie alle Bereiche eines Betriebes und die Wettbewerbsfähigkeit insgesamt massiv berührt. Wer Compliance nur als Stoppschild nutze, überlasse den Wettbewerbern die Lernkurve.

Nutzung steigt, Wirkung bleibt aus

Der Sprung in der Bitkom-Erhebung von 36 auf 57 Prozent zeigt, dass KI in der Breite angekommen ist. Aber der Sprung aus der Pilotphase hin zu skalierbaren Ergebnissen fällt vielen Unternehmen schwer. Experten sehen darin ein Muster, das man bei Projekten seit Jahren beobachtet: Tools werden eingeführt, aber die Verantwortlichkeiten und Prozesse bleiben unklar. Die KI-Einführung allein ist kein Allheilmittel. Ziele, Prioritäten, Datenqualität und Entscheidungskultur, kurzum Führung, gehören ebenfalls dazu.

Um von der Pilotierung zur produktiven Nutzung zu gelangen, empfiehlt sich ein stufenweises Vorgehen. Unternehmen, die jetzt klare Use Cases, Freigabeprozesse und Schulungen schaffen, gewinnen Tempo. Wer wartet, bis jede Unsicherheit verschwunden ist, wird die Unsicherheit nie los.
Faktoren für die KI-Einführung

In der Praxis hat sich gezeigt, dass die mehrere Faktoren eine Schlüsselrolle beim Umgang der Unternehmen mit Künstlicher Intelligenz spielen:

  • Im Management herrscht oft nur eine drängende, aber diffuse Ahnung, dass man KI einführen sollte, aber wenig Verständnis in Bezug auf wirksame Einsatzszenarien dafür.
  • Eine regelmäßige Motivation hinter der Entscheidung über den KI-Einsatz ist die eigene Karriere; KI wird nur so weit genutzt, dass es der eigenen Position nicht schadet. Das führt zu starken Einschränkungen und unnötigen Verzögerungen für das Unternehmen.
  • „Wir fangen klein an“ ist oftmals die Strategie. Das ist nicht verkehrt, aber viele Unternehmen bleiben zu lange auf dieser Stufe stehen. Dadurch entsteht kein konkreter Nutzen für den eigenen Betrieb und damit auch keine Motivation für einen firmenweiten Rollout.
  • Der Blick auf KI bleibt oft bei generativer KI stehen, also bei Systemen, die Texte, Bilder, Grafiken und künftig auch Videos erzeugen. Die weit darüber hinausgehenden Dimensionen Künstlicher Intelligenz etwa im Vertrieb oder in der Fertigung werden regelmäßig übersehen.
  • KI wird vor allem als Hebel für mehr Produktivität und geringere Kosten gesehen. Dass sie Geschäftsmodelle grundlegend verändern kann, wird selten erkannt.
  • Für viele Führungskräfte ist KI nur eines von vielen Problemfeldern, auf denen sie dringend Lösungen suchen. Fachkräftemangel, wirtschaftliche Verwerfungen, Lieferkettenengpässe und neue regulatorische Anforderungen gelten oft als dringender, sodass KI zurücksteht.
  • Unterschätzt wird, wie schnell KI grundlegende Umbrüche auslöst. Viele Entscheidungsträger sehen die KI-Welle noch vor sich und erfassen nicht, dass sie längst mittendrin sind.
  • KI wird immer wieder der IT zugewiesen und damit nur technisch betrachtet, ohne die unternehmerische Bedeutung zu sehen.
  • Viele Unternehmen haben veraltete, unstrukturierte oder zersplitterte Datenbestände, sodass eine leistungsfähige KI nicht entstehen kann. Die Datenbasis zu aktualisieren und zu stabilisieren sollte deshalb der erste Schritt sein, damit KI-Pilotprojekte eine Erfolgschance haben. Denn wenn der Pilot nur mäßige Ergebnisse liefert, ist das Ausrollen kaum zu erwarten.
  • Soweit das Thema über die IT hinausgeht, führen rechtliche und ethische Aspekte durchweg zu Verzögerungen, wie auch die Bitkom-Umfrage bestätigt. Datenschutz, Governance und die Verantwortung für KI-Entscheidungen sind zwar schwierige, aber keineswegs unlösbare Fragen.
  • Der kulturelle Wandel wird unterschätzt. KI verändert nicht nur Prozesse, sondern auch Arbeitskulturen, Rollenbilder und Machtverhältnisse in Organisationen. Ohne aktive Change-Begleitung scheitern viele KI-Einführungen am Menschen.

Man kann nur allen Unternehmen dringend raten, von der Experimental- in die Umsetzungsphase überzugehen. Der Einsatz eines Chatbots im Backoffice ist zwar nützlich, aber noch längst keine Strategie.

Eckhart Hilgenstock zählt zu den meistgefragten Interim Managern in Deutschland.

Eckart Hilgenstock

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