Deutsche Unternehmen sind strenger als der Rest:Riskante Geschäftspartner schneller fallen lassen

20. Februar 2026

Deutsche Unternehmen zeigen bei Third-Party-Risiken europaweit die größte Bereitschaft, sich radikal von Lieferanten und Dienstleistern zu trennen. Und obwohl sie Geschäftsbeziehungen strenger managen als andere Länder, werden viele dieser Entscheidungen nicht bis zu den Vorständen eskaliert. Zu diesen Ergebnissen kommt eine Befragung des Compliance-Unternehmens Navex.

Aus der Umfrage geht außerdem hervor, dass strategische Verantwortung an vielen Stellen fehlt und bestehende Leitlinien oft unzureichend sind. Die daraus entstehenden Unsicherheiten gefährden Geschäftschancen und bremsen die so dringende Innovation hierzulande weiter aus.

In den letzten zwölf Monaten trennten sich deutsche Unternehmen im Durchschnitt von über 14 Partnern. Angeführte Gründe waren Bedenken hinsichtlich Ethik, Menschenrechten oder Umweltpraktiken. Das zeigt die aktuelle Umfrage von Navex.
Befragt wurden Manager von B2B-Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitenden aus Deutschland, Frankreich, der Schweiz, den USA, Großbritannien und Skandinavien. Deutlich wurde dabei, dass „die Betriebe hierzulande schnell und konsequent handeln, wenn sich bei Geschäftspartnern Problemfelder abzeichnen. Im Ernstfall werden Beziehungen beendet, bevor es zu größeren Schäden kommt.

Dadurch verzeichneten nur 58 Prozent der deutschen Unternehmen in den letzten zwölf Monaten Störungen durch Lieferanten; weniger als in allen anderen befragten Ländern. Doch dieser Erfolg hat auch eine Kehrseite: Risiken werden in Deutschland zwar kurzfristig effektiv gemanagt. Doch gleichzeitig wird im Ernstfall in lediglich 66 Prozent der Fälle die Verantwortung dem Vorstand zugeschrieben – der niedrigste Wert aller untersuchten Lände.

Das führt zu Wissenslücken in der Unternehmensführung und viele Entscheidungen werden auf Management-Ebene getroffen, statt systematisch eskaliert zu werden. Wenn dann neue Gesetze oder Krisen auftreten, kann kleinteiliges Risikomanagement Betriebe schnell in existenzielle Schwierigkeiten bringen. Die folgenden Ergebnisse zeigen, wo deutsche Unternehmen in Sachen Verantwortung und Risikosteuerung noch Nachholbedarf haben:

Governance wird selten strategisch verankert, wenn Vorstände außen vor bleiben

Laut der Navex-Umfrage möchten die wenigsten deutschen Unternehmen etwas an ihrer Strategie ändern. Nur zehn Prozent der befragten Betriebe wünschen sich bei Entscheidungen über Drittparteien-Risiken mehr Verantwortung auf Vorstandsebene. Der Wunsch nach Veränderung ist in Deutschland geringer als in allen anderen befragten Ländern. Vielen Unternehmen fehlt das Bewusstsein dafür, dass strategische Governance genauso wichtig ist wie operative Kontrolle. Solange die Lieferketten stabil sind, sehen die Betriebe keinen Handlungsbedarf.

Doch wenn es Schlag auf Schlag kommt, müssen sie handlungsfähig sein: Es braucht klare Eskalationswege und Compliance-Prozesse, um auf mehrere Probleme gleichzeitig konsequent reagieren zu können. Um der Verzahnung von operativer Compliance und strategischer Verantwortung gerecht zu werden, raten Experten den deutschen Unternehmen: Ein integriertes GRC-Programm kann Organisationen dabei helfen, sich in der Risikolandschaft zurechtzufinden und gleichzeitig die Kontinuität der Berichterstattung, die regulatorische Sicherheit und die langfristige Compliance zu gewährleisten.

9 von 10 deutschen Unternehmen überschätzen ihr Risikomanagement

Aus der Befragung von geht zudem hervor, dass 91 Prozent der deutschen Betriebe davon überzeugt sind, Probleme rechtzeitig identifizieren zu können, bevor diese eskalieren. Doch die abgefragten Daten sprechen eine andere Sprache: Während fast alle Unternehmen sich zuversichtlich geben, haben doch über die Hälfte von ihnen im letzten Jahr schwerwiegende Störungen der Lieferkette erlebt. Das deutet darauf hin, dass Risiken teils zu spät erkannt oder ihre Auswirkungen unterschätzt werden.

Doch nicht nur in Bezug auf Partner besteht in Deutschland Nachholbedarf. 31 Prozent der Unternehmen gaben in der Befragung an, in den letzten zwölf Monaten einen Kunden, eine Investition oder eine Partnerschaft verloren zu haben, weil sie selbst die entsprechenden Compliance-Anforderungen nicht erfüllen konnten. Das ist ein deutliches Warnsignal: Compliance wirkt heute wie eine Eintrittskarte in viele Geschäftsbeziehungen. Denn Unternehmen setzen bei Partnern stark auf Kontrolle, aber investieren noch zu selten in die eigene Risikosteuerung auf Vorstandsebene. Schulungen helfen Führungskräften und Mitarbeitenden, Risiken angemessen einzuschätzen und zu bewältigen.

Zudem braucht es Selbstkontrolle: Das kostet deutsche Betriebe aktiv Wettbewerbspotenziale. Wer sich die besten Marktchancen sichern will, muss auch die eigenen Prozesse überprüfen.

Mangelnde Leitlinien zu KI bremsen deutsche Firmen weiter aus

Auch im Bereich der künstlichen Intelligenz herrscht unter deutschen Unternehmen weiter Unsicherheit. Zwar geben 84 Prozent der Teilnehmer an, es gäbe klare interne Regeln zum Einsatz von KI, doch nur rund ein Drittel hat das Gefühl, damit vollständig auf regulatorische Anforderungen wie den EU AI Act vorbereitet zu sein.

Deutschland geht beim Einsatz von KI besonders vorsichtig vor. Laut der Befragung haben 58 Prozent der deutschen Betriebe im vergangenen Jahr KI-Projekte wegen ethischer oder regulatorischer Bedenken pausiert oder angepasst. 17 Prozent setzen KI aktuell überhaupt nicht ein, der höchste Wert unter allen untersuchten Ländern.

Denn Projekte werden eher gestoppt, als Entscheidungen unter Unsicherheit zu treffen. Das schützt vor regulatorischen und Reputationsschäden, darf aber langfristig nicht zu einem Innovationsnachteil führen. Entscheidend sei daher eine stärkere strategische Verankerung von Compliance auf Vorstandsebene.

Umfassende Leitlinien schaffen Orientierung sowohl für den Umgang mit KI als auch für Entscheidungen im Third-Party-Management. Wenn Governance, Eskalationsmechanismen und regulatorische Anforderungen klar definiert sind, lassen sich Risiken einfacher steuern und Projekte schneller verantwortungsvoll umsetzen.

Oliver Riehl ist Regional Vice President Sales bei Navex.

Navex

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