DSAG zum Investitionsgipfel der BundesregierungIndustrielle KI als große Chance für den Standort Deutschland
26. Oktober 2026
Im Rahmen des „Invest in Germany Summit“ in Berlin hat die Bundesregierung wichtige Impulse für industrielle Künstliche Intelligenz (KI) gesetzt. Die Deutschsprachige SAP-Anwendergruppe e. V. (DSAG) begrüßt die angekündigten Investitionen und die Zusammenarbeit mit NVIDIA zur Entwicklung industrieller KI-Modelle und Physical AI.
Industrielles Know-how und leistungsfähige KI bieten große Chancen für den Industriestandort Deutschland. Zugleich mahnt die DSAG, dass KI-Szenarien nur mit sicheren, souveränen, interoperablen und wirtschaftlich nutzbaren Lösungen realisiert werden können. Auch die Unternehmen selbst sind gefordert: Sie müssen ihre Daten und Prozesse so aufstellen, dass sie KI sinnvoll nutzen können.
„Deutschland verfügt über eine enorme industrielle Kompetenz, hochspezialisierte Unternehmen und über Jahrzehnte gewachsenes Prozesswissen. Diese Stärken müssen wir jetzt mit den Möglichkeiten moderner KI-Technologien verbinden“, sagt Thomas Henzler, DSAG-Vorstandsvorsitzender. Die Initiative der Bundesregierung sei deshalb ein wichtiger Schritt. „Wir stehen möglicherweise am Beginn einer neuen industriellen Revolution, bei der nicht mehr allein die Automatisierung einzelner Abläufe, sondern zunehmend die intelligente und autonome Steuerung ganzer Wertschöpfungsketten im Mittelpunkt steht“, erklärt Henzler.
Die Verbindung von KI und Robotik – Physical AI – kann aus Sicht der DSAG für Deutschland als Land der Maschinen- und Anlagenbauer zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil werden. Für den Mittelstand kann die industrielle Nutzung von KI zusätzliche Möglichkeiten eröffnen, produktiver und wettbewerbsfähiger zu werden, dem Fachkräftemangel zu begegnen und neue Geschäftsmodelle zu entwickeln.
Gleichzeitig sind Unternehmen angesichts der rasanten technologischen Entwicklung gefordert, gezielt in Qualifizierung und Ausbildung investieren, damit Beschäftigte KI-Systeme sicher einsetzen und steuern können. Da Innovationen mit enormer Geschwindigkeit auf den Markt kommen.
KI muss in Geschäftsprozesse integriert werden
SAP-Systeme bilden in zahlreichen Industrieunternehmen das digitale Rückgrat wesentlicher Geschäftsprozesse – von Entwicklung und Beschaffung über Produktion und Logistik bis hin zu Vertrieb, Service und Instandhaltung. Mit ihrer Industry-AI-Strategie verfolgt SAP das Ziel, branchenspezifisches Prozesswissen, Unternehmensdaten und KI-Agenten miteinander zu verbinden.
Auch die Zusammenarbeit des Software-Herstellers mit NVIDIA und die Industrial-AI-Cloud-Initiative zeigen, wie sich technologische Infrastruktur und industrielle Anwendungen zunehmend verzahnen. „Entscheidend ist, dass KI nicht isoliert betrachtet wird, sondern direkt in die Geschäftsprozesse eingebunden ist. Erst wenn KI auf verlässliche Unternehmensdaten und den entsprechenden Geschäftskontext zugreifen kann, entsteht ein echter wirtschaftlicher Mehrwert“, so Henzler.
Deshalb begrüßt die DSAG die strategische Ausrichtung von SAP auf das Autonomous Enterprise und Industry AI. „Allerdings erwarten wir auch, dass die Lösungen offen, interoperabel und für Anwenderunternehmen unterschiedlicher Größenordnungen wirtschaftlich nutzbar sind“, so Henzler.
Grundlagen schaffen
Zugleich mahnt die DSAG zu Realismus: Zwischen den Zielbildern und der betrieblichen Wirklichkeit vieler Anwenderunternehmen besteht noch eine erhebliche Lücke, wie die Ergebnisse des DSAG-Investitionsreports 2026 belegen. Bevor Prozesse autonom laufen können, müssen viele Unternehmen zunächst die Grundlagen schaffen: konsistente Stammdaten, harmonisierte Prozesse, ein modernisiertes ERP-Fundament mit möglichst standardnahem Kern und die notwendigen Kompetenzen in ihren Teams.
„KI ist nur so gut wie die Daten und Prozesse, auf denen sie aufsetzt. An SAP richtet die DSAG zugleich klare Anforderungen: KI-Funktionen müssen so ausgereift sein, dass sie im Produktivbetrieb belastbar und skalierbar sind. Zudem müssen Lizenz- und Preismodelle transparent und planbar sein. Wir sehen bei unseren Mitgliedern großes Interesse, aber auch Fragezeichen, inwieweit KI-Lösungen für sie bereits nutzbar sind und wie die entsprechende Einsatzfähigkeit ist“, ergänzt Henzler.
Wachsende Anforderungen an IT-Sicherheit
Je autonomer die KI-Systeme werden, desto stärker wachsen die Anforderungen an IT-Sicherheit. KI-Agenten, die eigenständig Entscheidungen vorbereiten, Geschäftsprozesse ausführen oder mit physischen Systemen, wie Maschinen und Robotern interagieren, müssen sicher, nachvollziehbar und kontrollierbar arbeiten.
Konkret bedeutet das aus Sicht der DSAG, dass Identitäten und Berechtigungen für KI-Agenten sicher sein müssen, sensible Unternehmens- und Produktionsdaten geschützt sind sowie, dass eine technische Überwachung der KI sichergestellt und autonomes Handeln durch die KI begrenzt sind. „Sicherheit darf kein nachgelagerter regulatorischer Prozess sein, sondern muss technisch in den Architekturen und Lösungen verankert werden. Nur so schaffen wir die notwendige Vertrauensbasis für eine breite industrielle Nutzung“, betont Henzler.
Die DSAG setzt sich deshalb für verbindliche Sicherheitsstandards, transparente KI-Architekturen sowie eine konsequente Integration von Security und Governance in die Weiterentwicklung von SAP Business AI ein. Zugleich warnt der Verband, dass KI-Agenten auch von Angreifer für Cyber-Angriffe genutzt werden können.
Offenheit, Interoperabilität und wirtschaftlicher Nutzen
Damit KI-Modelle, Agenten, Unternehmensanwendungen und industrielle Systeme über Hersteller- und Plattformgrenzen hinweg zusammenarbeiten können, braucht es offene Schnittstellen, standardisierte Integrationsmechanismen und langfristig verlässliche Architekturen. „Wir dürfen die nächste industrielle Revolution nicht durch neue technologische Silos ausbremsen. Unternehmen müssen unterschiedliche KI-Technologien miteinander verbinden und ihre Architekturen flexibel weiterentwickeln können. Das gilt für SAP ebenso wie für andere Anbieter. Als DSAG werden wir gemeinsam mit SAP an praxisgerechten Lösungen arbeiten“, erklärt Henzler.
Die Lösungen müssen für Anwenderunternehmen unterschiedlicher Größen wirtschaftlich nutzbar sein. Viele Unternehmen stehen parallel vor umfangreichen ERP-Transformationen, steigenden IT-Kosten und der Einführung neuer KI-Technologien, wie die DSAG erst kürzlich im Rahmen einer Pressemitteilung anlässlich des DSAG-Jahreskongresses 2026 in Köln kommuniziert hat.
Darin forderte die Interessenvertretung unter anderem, dass KI-Funktionen produktionsreif und belastbar, Lizenz- und Preismodelle transparent und planbar sowie Roadmaps verlässlich sein müssen. „Der wirtschaftliche Nutzen muss anhand konkreter Anwendungsfälle nachweisbar sein. Zusätzliche KI-Kosten dürfen die Belastungen durch laufende ERP-Transformationen nicht weiter verschärfen“, so Henzler.
Digitale Souveränität als Leitplanke
Die angekündigten Kooperationen zwischen der Bundesregierung und NVIDIA, zwischen SAP und NVIDIA sowie im Rahmen der Industrial-AI-Cloud-Initiative bündeln Rechenleistung, KI-Modelle und Plattformen bei wenigen, teils außereuropäischen Anbietern. „Diese Partnerschaften dürfen nicht zu neuen einseitigen Abhängigkeiten führen“, mahnt Henzler.
Unternehmen müssen weiterhin selbst bestimmen dürfen, wo ihre Daten verarbeitet werden, welche KI-Modelle eingesetzt werden und wie sie bei Bedarf Anbieter oder Plattform wechseln können. Dazu gehört aus DSAG-Sicht auch, dass die Daten im europäischen Raum verarbeitet werden und Vertrags- und Lizenzbedingungen transparent sind. KI-Innovationen müssen auch in On-Premises- und hybriden Szenarien nutzbar sein und dürfen nicht ausschließlich an bestimmte Cloud-Verträge gebunden sein.
„Kooperationen mit internationalen Technologieführern sind wichtig, um bei industrieller KI Tempo aufzunehmen. Sie müssen aber so gestaltet sein, dass die Unternehmen die Kontrolle über Daten, Prozesswissen und Architekturentscheidungen behalten. Insbesondere das industrielle Prozesswissen ist Kern unserer Wettbewerbsfähigkeit – es darf nicht unkontrolliert in fremde Modelle und Plattformen abfließen“, sagt Henzler.
Die DSAG erwartet von SAP und den beteiligten Partnern, Souveränitätsanforderungen von Beginn an in ihren Angeboten zu berücksichtigen und offenzulegen, welche Daten wo und unter welcher Rechtsordnung verarbeitet werden. An die Politik appelliert der Industrieverband gleichzeitig, dass mit den angekündigten Investitionen europäische Infrastrukturen und offene Standards gezielt gestärkt werden sollten.
Gemeinsam die nächste Phase gestalten
Die DSAG sieht in der Initiative der Bundesregierung eine Chance, die Zusammenarbeit zwischen Politik, Forschung, Industrie und Technologieunternehmen zu intensivieren. „Was es jetzt braucht, sind verbindliche Umsetzungspläne, messbare Ziele und Förderinstrumente, die auch für mittelständische Unternehmen ohne großen bürokratischen Aufwand zugänglich sind“, so Henzler. „Regulierung sollte dort ansetzen, wo Risiken entstehen – nicht bei der Technologie als Ganzes. Zugleich darf sie offene und alternative Anbieter nicht verdrängen oder bestehende Abhängigkeiten verfestigen.“ (rhh)