Im Interview: Dr. Uwe Kubach Chief Evangelist IoT, IoT & CI, bei SAP SE Datenplattform für Industrie 4.0 braucht In-Memory-Fähigkeiten

8. März 2016

In-Memory-Lösungen sind ideal, um große Menge an Sensordaten in Echtzeit zu verarbeiten. Daher wird es mittelfristig keine erfolgreiche Datenplattform in Industrie 4.0 geben, die keine In-Memory-Fähigkeiten hat. Diese Einschätzung stammt von Dr. Uwe Kubach. Der Chief Evangelist IoT, IoT & CI, bei SAP SE bezieht im Interview mit Line-of.biz (LoB) Stellung zu den Anforderungen moderner ERP-Systeme.

Voraussetzungen

LoB: Welche Voraussetzungen muss ein ERP-System mitbringen, um die gestiegenen Datenmengen und die zusätzlichen Abläufe im Unternehmen zu beherrschen und zu unterstützen?
Dr. Kubach: ERP-Systeme werden zukünftig auf einer hochperformanten und flexiblen Datenplattform aufsetzen müssen, da nicht alle Daten im Kontext von Industrie 4.0 gleich behandelt werden können. Es gibt ein breites Spektrum unterschiedlicher Daten, das von Daten, die in Echtzeit verarbeitet werden müssen („Hot Data“), reicht bis hin zu Daten, die nur archiviert werden sollen („Cold Data“). Im ersten Fall bieten sich in Memory-Datenbanken an, während es im zweiten Fall primär auf die kosteneffiziente Speicherung extrem großer Datenmengen ankommt. Hier bieten sich beispielsweise Hadoop-Cluster an. Eine Datenplattform für ERP-Systeme in Industrie 4.0 muss das ganze Spektrum unterstützen und entsprechende Technologien integrieren. Darüber hinaus muss eine solche Plattform in der Cloud betrieben werden können, um mit dem hochdynamischen Umfeld, das in vielen Industrie 4.0 Szenarien zu erwarten ist, skalieren zu können.

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LoB: Die Datenmenge aber auch die Anforderungen an die „Verarbeitungsleistung“ des ERP-Systems steigen massiv an, wenn im ERP-System alle angefallenen Informationen zu verarbeiten sind. Wie flexibel muss die Datenbank des ERP-Systems sein, um das alles stemmen zu können?
Dr. Kubach: Es wird keine „One-fits-all“-Datenbanktechnologie geben. Daher werden Datenplattformen ganz unterschiedliche Technologien integrieren müssen und Daten automatisch in der am besten geeigneten Technologie speichern müssen. Es wird sogar erforderlich sein, Daten automatisch beispielweise von schnellem Speicher auf langsameren, günstigeren Speicher zu verlagern, wenn sie „altern“ und nicht mehr so häufig benötigt werden.

In-Memory-Datenbanken

LoB: Welche Rolle spielen bei den Datenbanken die In Memory-Ansätze?
Dr. Kubach: In-Memory-Lösungen sind ideal um große Menge an Sensordaten in Echtzeit zu verarbeiten. Daher wird es mittelfristig keine erfolgreiche Datenplattform in Industrie 4.0 geben, die keine In-Memory-Fähigkeiten hat.

LoB: Wie lässt sich ein erfolgreiches Datenmanagement im ERP-Umfeld aufsetzen, wenn durch Industrie 4.0 viel mehr Daten auszuwerten sind?
Dr. Kubach: Die Dezentralisierung der Datenverarbeitung wird hier eine wichtige Rolle spielen. IDC sagt z.B. bereits für 2018 voraus, dass bis zu 40 Prozent aller im Internet der Dinge generierten Daten in irgendeiner Form bereits an der Quelle oder einem System nahe bei der Quelle vorverarbeitet werden. Dadurch kann die Datenflut, die bei den zentralen Systemen ankommt, stark eingedämmt werden. Zusätzlich werden neue Technologien aus dem Bereich der Künstlichen Intelligenz – Machine Learning, Deep Learning – helfen, die Datenqualität automatisiert zu gewährleisten.

LoB: Welche Rolle spielt die Forderung nach sicheren Daten im Kontext von Industrie 4.0?
Dr. Kubach: Sicherheit ist für den Erfolg von Industrie 4.0 unumgänglich. Wichtig ist es, Sicherheit von Anfang an intensiv zu betrachten und nicht erst ein System zu bauen und sich hinterher zu überlegen, wie man es nun sicher macht. Die Herausforderungen liegen dabei nicht einmal so sehr im Bereich einer entsprechenden Sicherheitstechnologie. Wir können schon lange IT-Infrastrukturen vergleichsweise sicher betreiben. Die Herausforderung kommt bei Industrie 4.0 eher daher, dass neue Bereiche und Systeme in Industrie 4.0 gegenüber dem Internet geöffnet werden und daher die verfügbaren Sicherheitstechnologien auch in diesen Bereichen und Systemen schnell verfügbar gemacht werden müssen.

LoB: Wie lässt sich bei den gestiegenen Anforderungen an ein ERP-System der Zukunft all das in einer sinnvollen Einführungsphase umsetzen?
Dr. Kubach: Hier wird die Cloud-Technologie entscheidende Fortschritte bringen. Unabhängig davon, ob die Cloud im Data Center des Kunden selbst oder durch einen Dienstleister betrieben wird, wird sie große Erleichterungen bei der automatisierten Inbetriebnahme und dem automatisierten Betrieb großer Systeme bringen.

Rolle der Cloud

LoB: Wie wird sich das beim „ERP-System im Kontext Industrie 4.0“ darstellen – gibt es dann noch den On-Premise-Einsatz auf breiter Front?
Dr. Kubach: Es gibt tatsächlich noch rechtliche Fragen, die im Kontext von Industrie 4.0 offen sind. Neben dem erwähnten Datenschutz und Datensicherheit, stellt sich beispielsweise auch die Frage, wem die erzeugten Daten gehören oder wer verantwortlich ist, wenn autonome Maschinen Fehler machen und dadurch Schäden entstehen. Daher beschäftigt sich in der Industrie 4.0 Plattform, in der sich zahlreiche Unternehmen zusammengeschlossen haben, eigens eine dedizierte Arbeitsgruppe mit diesem Thema. Gegenwärtig können diese Fragen allerdings in der Regel durch individuelle Vereinbarungen zwischen Kunden und Lieferanten geklärt werden. Business Software aus der Cloud wird für viele Szenarien die Standard-Technologie werden. Cloud muss nicht zwangsweise ein externes Rechenzentrum bedeuten. Cloud-Technologie kann auch als sogenannte „Private Cloud“ im Rechenzentrum des Kunden betrieben werden.

LoB: Inwieweit kann die „App-lifizierung“ von ERP-Software bei Anforderungen a la Industrie 4.0 helfen und welche Entwicklungen sehen Sie als relevant an?
Dr. Kubach: ERP-Software und IoT-Anwendungen werden zunehmend aus einer Menge von zunächst voneinander unabhängigen Micro-Services bestehen. Damit können einzelne Teilfunktionalitäten schnell und flexibel weiterentwickelt werden, ohne dass durch Inkompatibilitäten mit den übrigen Funktionalitäten entstehen. Im Sinne einer App-lifizierung können einzelne, optionale Services als App angeboten werden und beispielsweise nach einem „Pay-per-use“-Modell oder Subskriptions-Modell abgerechnet werden.

Rainer Huttenloher

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