Existenzbedrohung für den MittelstandDemografischer Wandel gefährdet Tausende von KMUs

11. Mai 2020

Der Generationswechsel in der Unternehmensführung stellt den Mittelstand vor enorme Herausforderungen. Vor allem die sich verschärfende demografische Entwicklung erhöht den Druck auf deutsche Familienunternehmen. Bereits jeder zweite Inhaber oder Geschäftsführer muss sich in absehbarer Zeit mit der Frage seiner Nachfolge beschäftigen.

Nicht nur die Corona-Krise belastet deutsche Mittelständler aktuell schwer. Auch der demografische Wandel entwickelt sich zu einer zunehmenden Herausforderung. Laut einer aktuellen Studie der Osnabrücker Beratungsfirma KERN, die kleine und mittelständische Betriebe in regelmäßigen Abständen zu ihrer Nachfolgesituation befragt, ist jeder zweite Inhaber bzw. Geschäftsführer bereits heute älter als 55 Jahre.

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Bis 2025 wird dieser Anteil auf 70 Prozent ansteigen – sofern sich bis dahin kein verlässlicher Nachfolger gefunden hat. Besonders betroffen sind laut Umfrage die Baubranche sowie der Groß- und Einzelhandel. Untersucht wurden rund 580.000 Unternehmen mit einem Umsatz zwischen 250.000 Euro und 50 Millionen Euro.

Wie schwerwiegend die Konsequenzen sind, die sich daraus ergeben, zeigen aktuelle Zahlen von KfW Research: Bis zu 450.000 mittelständische Firmen könnten laut in den kommenden Jahren den Markt verlassen, wenn für sie kein Nachfolger bereitsteht. Allein bis Ende 2021 wären das rund 100.000 Betriebe. Diese Prognose gewinnt vor dem Hintergrund, dass rund 35 Prozent des Gesamtumsatzes in Deutschland von kleinen und mittleren Firmen (KMU) erwirtschaftet werden, umso mehr an Brisanz.

Schwerwiegende Folgen der demografischen Entwicklung

Der demografische Wandel führt aber nicht nur dazu, dass immer mehr Unternehmer in den Ruhestand gehen. Er erschwert auch die Suche nach geeigneten Nachfolgern – auch deshalb, weil das traditionelle Modell der familieninternen Nachfolge zunehmend in Frage steht. Denn es gibt immer weniger Nachkommen, die das Unternehmen übernehmen können und wollen.

Der klassische Weg der Unternehmensnachfolge entwickelt sich zum Auslaufmodell, schreibt die KfW in ihrem Bericht. Deshalb suchen kleine und mittelständische Betriebe verstärkt nach externen Käufern. Doch die sind – auch bedingt durch den demografischen Wandel – ebenfalls schwer zu finden. Die Übergabe an einen externen Nachfolger ist im Vergleich zudem die wesentlich herausforderndere Alternative. Nicht zuletzt deshalb, weil für Eigentümer die emotionale Hürde, ihr Lebenswerk in fremde Hände zu geben, häufig sehr hoch ist.

Laut einem Bericht der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) trifft dies auf 38 Prozent der Senior-Unternehmer zu. 43 Prozent fordern aus diesem Grund zu Beginn der Verhandlungen einen überhöhten Kaufpreis, weil sie den über Jahrzehnte geleisteten persönlichen Einsatz mit einrechnen. Und 31 Prozent der Alt-Inhaber warten mit der Übertragung, weil sie sich bessere Angebote erhoffen. Eine riskante Wette, warnt die DIHK: Konflikte mit Finanzierungs- und Geschäftspartnern könnten nicht nur die eigene Wettbewerbsfähigkeit schmälern. Häufig unterblieben in der Verhandlungsphase auch notwendige Investitionen in die Modernisierung und Digitalisierung, wodurch Unternehmen an Wert verlieren.

„Viele Firmenlenker beginnen darüber hinaus zu spät mit der Nachfolgeplanung und sind von den Prozessen insgesamt überfordert. Die Studien zeigen, dass es in Sachen Unternehmensnachfolge kurz vor Zwölf ist“, so Jan Friedrich, Experte für Unternehmensnachfolge im Mittelstand und Vice President Field Marketing Central Europe bei Sage.

Nach seiner Ansicht bedrohe der Mangel an Nachfolgern viele Mittelständer in ihrer Existenz – und damit das Rückgrat der deutschen Wirtschaft mit mehr als einer Million Arbeitsplätzen. „Vor diesem Hintergrund sehen wir sehr großes Potential für ein stärkeres Engagement externer Interessenten. Gerade kleine und mittlere Firmen, die mit den Herausforderungen der digitalen Transformation konfrontiert sind, bieten jungen, tatkräftigen Nachfolgern vielversprechende Chancen“, so Jan Friedrich weiter.

Tatsächlich bringt die Übernahme eines bestehenden Unternehmens zahlreiche Vorteile. Der Nachfolger kann einerseits auf erfahrene Mitarbeiter und bewährte Prozesse zurückgreifen. Andererseits hat er viel Spielraum für Veränderungen – um neue strategische Impulse im Unternehmen zu setzen, aber auch um wichtige Modernisierungen anzustoßen. Vor allem die Digitalisierung bietet hier enormes Potential. (rhh)

Sage

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