S/4HANA-Migration beschleunigen mit Low-CodeLow-Code ebnet den Weg zurück zum Standard

28. Oktober 2021

Dass die Zeit drängt, ist bekannt: Wer bis 2027 nicht auf S/4HANA umgestiegen ist, wird ab diesem Zeitpunkt keinen Support aus Walldorf mehr erhalten. So werden SAP-Migrationen bis dahin das Tagesgeschäft etlicher IT-Abteilungen dominieren. Das bedeutet auch: Neue Projekte und wichtige Innovationen müssen unter Umständen auf Eis gelegt werden. Abhilfe verspricht unter anderem die Low-Code-Entwicklung: Sie ermöglicht eine Ablösung individueller Anpassungen und erlaubt damit die Rückkehr zum sauberen SAP-Standard – für eine deutlich einfachere und schnellere Migration bei gleichzeitig optimierter Nutz- und Wartbarkeit für die Zukunft.

Anfang 2018 erreichte die Anwender eine Nachricht, die vielen von ihnen seither Kopfzerbrechen bereitet: Unternehmen, die das ERP-System von SAP nutzen, müssen bis 2025 auf S/4HANA migrieren – eine Frist, die mittlerweile auf 2027 ausgeweitet wurde. Der Hauptgrund hierfür liegt in der Datenbank-Kompatibilität: S/4HANA funktioniert nur mit der SAP-HANA-Datenbank. Frühere Versionen der Software hingegen kamen mit einer Reihe an Datenbanken zurecht, die bekannteste unter ihnen ist die aus dem Hause Oracle.

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Hunderttausende von Kunden auf der ganzen Welt nutzen die Software aus Walldorf, mehr als 75 Prozent aller weltweiten Transaktionsumsätze laufen zumindest teilweise über SAP. Für viele Unternehmen ist die Lösung daher ein integraler Bestandteil ihrer Geschäftsprozesse. Um das System weiter nutzen und darüber hinaus von der gesteigerten Effizienz sowie dem erweiterten Funktionsumfang von S/4HANA profitieren zu können, ist es daher erforderlich, ein Migrationsprojekt zu starten, das zumeist Folgendes umfasst:

  • Analyse des SAP-Systems und seiner individuellen Anpassungen wie Tabellen, Programme, Oberflächen und mobile Anwendungen, um zu entscheiden, was übernommen werden muss und wie dies realisiert werden kann.
  • Dokumentation der kritischen Geschäftsprozesse, die migriert werden müssen, und ggf. Entwicklung von Software-Prototypen für eine Neu-Implementierung.
  • Anpassung von Legacy-Applikationen, die nicht mit S/4HANA kompatibel sind.

Je nach Umfang der SAP-Implementierung ist ein solcher Migrationsprozess keine Frage von Monaten, sondern vielmehr eine Frage von Jahren. So rechneten laut der PWC-Studie „SAP S/4HANA – Erfahrungen von Unternehmen in der DACH-Region“ im Jahr 2020 sogar 45 Prozent der befragten Unternehmen mit einer Projektdauer von einem bis drei Jahren, 35 Prozent hingegen mit einer Dauer von drei bis fünf Jahren. Ein Zeitraum, für den Kapazitäten gebunden sind, die eigentlich der Weiterentwicklung des Unternehmens und der Förderung von Innovationen dienen sollten. Und das zur Hochzeit der digitalen Transformation, in welcher der Bedarf an neuen, innovativen Geschäftsanwendungen höher ist denn je.

Individuelle Anpassungen: Fluch und Segen

Einer der Gründe, weshalb die S/4HANA-Migration eine solche Mammutaufgabe darstellen kann, sind oft die zahlreichen individuellen Anpassungen, die viele Unternehmen im Laufe ihrer langjährigen SAP-Nutzung angehäuft haben. Denn nicht selten wurde das System immer wieder an verschiedensten Stellen auf die exakten Bedürfnisse des Unternehmens hin zugeschnitten. Die Anpassungen tragen damit entscheidend zur Effizienz der täglichen Arbeit bei und sind in vielen Fällen entsprechend unerlässlich geworden. Gleichzeitig kann ihre Übernahme in S/4HANA einen massiven Aufwand bedeuten, je nachdem, wie stark der SAP-Standard konkret modifiziert wurde.

Idealerweise gilt es daher bereits vor Beginn der Migration, die Ausgangslage umfassend zu analysieren sowie einen detaillierten Migrationsplan zu erstellen. Gerade bezüglich der Anpassungen sollten eine Reihe von Fragen kritisch beleuchtet werden: Warum wurde eine bestimmte Anpassung überhaupt durchgeführt? Ist sie wirklich notwendig? Warum wurde sie auf diese oder jene Art und Weise im System realisiert? Ist es zwingend erforderlich, dass die Anpassung auch weiterhin genauso bestehen bleibt, oder wären Änderungen, vielleicht sogar Optimierungen, denkbar?

Die Antworten auf diese Fragen erlauben es, die angepassten Anwendungen, Funktionalitäten und Benutzeroberflächen zu identifizieren, die sich vom SAP-Standard trennen und beispielsweise mithilfe einer Technologie wie Low-Code ablösen lassen. Auf diese Weise kann das SAP-System von den Teilen bereinigt werden, die die Migration verkomplizieren könnten. So steht im Ergebnis eine abgespeckte, saubere Standardversion von SAP, die sich dann deutlich leichter von etwa ECC auf die S/4HANA-Umgebung übertragen lässt.

Visuell statt manuell entwickeln

Mithilfe von Low-Code können individuelle Anpassungen extern nachgebaut und anschließend wiederum an S/4HANA angebunden werden. Die Entwicklungsprozesse erfolgen dabei auf Basis der visuellen Modellierung: Funktionen und Abläufe der geplanten Applikation werden in der Entwicklungsumgebung visuell – quasi nach dem Drag-and-Drop-Prinzip – zusammengestellt. Das manuelle Schreiben von Software-Code ist damit nicht erforderlich. So wird der Entwicklungsprozess deutlich beschleunigt und die Wartung der entstandenen Applikationen stark vereinfacht.

Um die Low-Code-Technologie bestmöglich im SAP-Kontext nutzen zu können, sollten Anwender bei der Auswahl einer Plattform vor allem darauf achten, dass diese auf Anwendungsfälle im Enterprise-Kontext zugeschnitten ist, für SAP zertifiziert wurde sowie die erforderlichen SAP-Konnektoren und -Integrationen zur Verfügung stellt.

Ablösung per Low-Code

Sind diese Voraussetzungen gegeben, können mithilfe der Low-Code-Plattform passgenaue mobile oder Web-Applikationen erstellt werden, die sich vollständig in SAP integrieren, während sich gleichzeitig die hohen Mengen an komplexem Code, die traditionellerweise für die entsprechende Funktionen geschrieben und gewartet werden müssten, deutlich reduzieren.

Vielmehr können die erforderlichen Anpassungen in der Low-Code-Plattform im Rahmen agiler Sprints entwickelt bzw. bearbeitet werden. Die Grundlage hierfür bilden zahlreiche Standard- sowie benutzerdefinierte SAP-Funktionen auf Basis der SAP Business Application Programming Interfaces („BAPIs“), auf die Anwender in der Plattform Zugriff erhalten. Auch komplexe SAP-Schnittstellentypen sind auf diese Weise mit leicht einsetzbaren Parametern abgebildet.

Alle importierten BAPI-Definitionen werden als visuelle Elemente zur Verfügung gestellt. Anwender können diese dann auf ihre grafische Entwicklungsoberfläche ziehen und mit weiteren Logikteilen anordnen. Alle Validierungen und Sicherheitseinstellungen werden dabei automatisch aus SAP an die erstellte Funktion vererbt. Damit die Integrationslogik in jedem Fall korrekt funktioniert, verfolgt die Low-Code-Plattform alle gegenüber SAP durchgeführten Transaktionen nach, sodass Fehler bei Bedarf visuell aufgespürt und behoben werden können.

Externe Erweiterung des SAP-Standards bei Van Ameyde

Auch der niederländische Versicherungsdienstleister Van Ameyde setzte auf Low-Code, um seine bestehende SAP-Implementierung um ein individuelles Front-End zu erweitern. Gerade auch um Wartungs- und Migrationsaufwand gering zu halten, hatte das Unternehmen seine SAP-Lösung ursprünglich im Standard eingeführt und auf individuelle Anpassungen weitestgehend verzichtet.

Im Tagesgeschäft stellte sich jedoch heraus, dass das komplexe SAP-Interface nicht die notwendige Flexibilität bot, die Prozesse zur Bearbeitung der insgesamt gut 400.000 Schadensmeldungen im Jahr kundenindividuell anzupassen. Ein benutzerfreundliches, flexibleres Front-End-System war gewünscht.

Um dieses ergänzte Van Ameyde seinen SAP-Standard mithilfe von Low-Code. Durch die eigenentwickelte Applikation „ECHO“ erhalten Mitarbeiter nun benutzerfreundlichen Zugriff auf Standardprozesse, durch die sie ihre Arbeit bei Bedarf schnell und einfach – abhängig von den jeweiligen Service-Level-Agreements und länderspezifischen Gegebenheiten – an die erforderlichen Abläufe bei den Kunden anpassen können.
Durch die nahtlose Integration in SAP verbleibt die darunterliegende Standardfunktionalität im ERP-System, sodass alle steuerlichen und rechtlichen Anforderungen sowie die sicheren Zahlungsfunktionalitäten des SAP-Standards unangetastet bleiben. Die Zeitdauer für die Bearbeitung von Schadensmeldungen konnte durch ECHO um dreißig Prozent reduziert werden.

Chance statt Herausforderung

Die Migration auf S/4HANA wird für den Großteil der SAP-Kunden unvermeidbar sein. Mit der richtigen Vorgehensweise muss diese jedoch nicht zum Mammutprojekt werden, das die Unternehmensentwicklung und Innovationskraft über Jahre hinweg lahmlegt. Vielmehr gilt es, bereits vor Beginn der Migration mit einer umfassenden Analyse sowie den Einsatz unterstützender Technologien die richtige Vorarbeit zu leisten.

Durch die Ablösung von Anpassungen mithilfe der Low-Code-Technologie etwa wird ein sauberer SAP-Stand sichergestellt, der eine solide Grundlage für die optimale Nutzung von S/4HANA darstellt und künftige Wartungsprozesse vereinfacht – während gleichzeitig Zeit und Kapazitäten gewonnen werden, Innovation auch während der SAP-Migration weiterhin voranzutreiben. So optimieren Unternehmen ihre Wettbewerbsfähigkeit und sichern sich zudem die notwendige Agilität, um auch auf zukünftige Änderungen bezüglich Technologie und Markt bestmöglich reagieren zu können.

Dr. Christoph Windheuser ist Director Business Value Consulting Europe bei OutSystems.

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